Radtrilogie II

Thomas Gomminiginger Freitag, 15. Oktober 2021 von Thomas Gomminiginger

Radtrilogie II: Zeitenwende?

Neuer Politikstil, Rückenwind und Zeit für den Aufbruch

Im ersten Teil Radtrilogie ging es darum, transparent zu machen, dass wir in Nußloch die Einbeziehung und Förderung des Radverkehrs seit Jahren vernachlässigt haben. Aber wie heißt es schön? Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Und nicht nur das - es gibt nun einige Treiber und Faktoren, die den Radverkehr voranbringen.

Seit 2019 wurden unter breiter Beteiligung der Bürger drei Rahmenkonzepte als Handlungsleitplanken für unsere Kommune auf den Weg gebracht: das lokale Klimaschutzprogramm, das Gemeindeentwicklungskonzept 2035 und ein Mobilitäts- und Verkehrskonzept, das die überfällige Förderung des Radverkehrs beinhaltet.

Diese weitsichtige Perspektive trifft auf einen im Jahr 2019 mit veränderten Mehrheitsverhältnissen neu gewählten Gemeinderat. Deren Mitglieder haben sich neben der ohnehin schon sehr zeitaufwändigen Tätigkeit im Ehrenamt über einen langen Zeitraum hinweg intensiv und konstruktiv mit den Zielen und Inhalten der wegweisenden Konzepte auseinandergesetzt. Auch die fachzuständige Belegschaft des Rathauses trägt mit einer modernen Sicht- und Herangehensweise spürbar dazu bei, dass unsere Gemeinde nun deutlich stärker vom Verwalten zum Gestalten kommt.

Neben der kommunalpolitischen Seite gibt es zudem einige „Game Changer“, die zu einem regelrechten Fahrradboom auf den Straßen geführt haben: Die Umsatzzahlen im Radfachhandel, die Elektrifizierung mit E-Bikes als „Mobilitäts-Booster“, neue Geschäftsmodelle und die Corona-Krise.

Der Umsatz im deutschen Fahrradhandel hat sich von 2010 bis 2020 fast verdoppelt. Seit 2014 wurden in Deutschland jedes Jahr mindestens 4 Mio. neue Fahrräder verkauft. Eine enorme Entwicklung nahmen dabei die muskelkraftunterstützenden E-Bikes. 2010 lag deren Verkaufsanteil noch bei 5% und heute bei fast 40%! Sie „veränderten“ Reichweiten, Wegstrecken und Höhenunterschiede für Alltagsfahrer, Berufspendler und Tagestouren. Insbesondere für Nußloch mit seiner Hanglage bzw. Topografie mit Höhenunterschieden machen E-Bikes nun Vieles deutlich einfacher.

Auf der kommerziellen Seite erwachsen zudem neue attraktive Geschäftsmodelle wie das Firmenrad-Leasing (Arbeitgeberangebote für Berufspendler) und Bike-Sharing (Anbieter in Städten und Ballungsgebieten). Der jüngste Schub kam dann der Corona-Krise geschuldet ab dem Frühjahr 2020. Mit dem Pandemiebeginn und dessen Einschränkungen und Unsicherheiten sattelten viele Menschen vom ÖPNV auf’s Rad um oder genossen mit dem Rad die Bewegung außerhalb der vier Wände an der frischen Luft. Die Läden und Lager des Radfachhandels wurden regelrecht leerverkauft. Der geschätzte Fahrradbestand ist 2021 auf den Rekordwert von 79 Mio. angewachsen (Quelle: Deutscher Zweirad-Industrie-Verband, Vgl. Pkw-Bestand: 48 Mio.).

Entsprechend kann man auch in Nußloch feststellen, dass die Anzahl der RadfahrerInnen im bzw. durch den Ort sichtlich zugenommen hat. Wie passt diese entstehende Radkultur aber zur innerorts nicht existenten Radinfrastruktur? Wie passt dies dazu, dass der öffentliche Verkehrsraum fast ausschließloch fahrenden und parkenden Autos zugeteilt ist? Überhaupt nicht! Wie bereits letzte Wochen konstatiert, gibt es in Nußloch enormen Nachholbedarf.

Doch die „Winds of Change“ haben unsere Gemeinde bereits erreicht. Nachdem in den Wohngebieten schon lange Tempo 30 gilt, wurde behördlich auf Basis einer Lärmaktionsplanung auch auf den vier Hauptdurchgangsstraßen eine Reduzierung der Geschwindigkeit angeordnet und im Juli 2020 umgesetzt. Seither ist der Verkehr insgesamt entspannter und die Geschwindigkeitsunterschiede zwischen Auto- und Radverkehr haben deutlich abgenommen. RadfahrerInnen werden damit weniger als Störfaktoren wahrgenommen, fühlen sich sicherer und können nun wenigstens „hangabwärts“ mit 25-30 km/h ohne ständig überholende Autos „im Nacken“ besser im Verkehr mitfließen.

Mit dem Projekt Ortsmitte III (Fertigstellung in 2022) hat die Gemeinde zudem ein wegweisendes Quartierskonzept auf den Weg gebracht. Aus dem ursprünglichen Kanalsanierungsvorhaben wurde eine ganzheitliche Entwicklungsmaßnahme: Eine Neuverteilung, Neugestaltung und Aufwertung des öffentlichen Raumes, eine neue, sicherere Verkehrsführung und Verkehrsberuhigung, durchgängig sog. Shared Space ohne Niveauunterschiede und Bordsteinkanten für den entschleunigten Fuß-, Rad- und Autoverkehr. Man merkt heute schon die Veränderungen. Es gibt weniger Autodurchgangsverkehr und aufgrund der nun ausgewiesenen Stellplatzflächen deutlich weniger parkende Fahrzeuge auf den Straßen (u. a. stärkere Nutzung der eigenen Hofeinfahrten und Garagen). Die Kaiserstraße, die Werderstraße und die Dreikönigstraße sind Einbahnstraßen für den Autoverkehr, aber nun für den Radverkehr in beide Richtungen befahrbar. Zudem werden nächstes Jahr noch ausgewählte Straßenabschnitte verkehrsberuhigt.

Durch die diversen Maßnahmen sieht man bereits mehr Bürger, Elternteile und Schüler, die mit dem Rad bzw. Radanhänger, Tretroller oder zu Fuß entspannter durch das Viertel oder zum Kindergarten bzw. zur Schillerschule fahren bzw. laufen. Dadurch hat auch der Verkehrslärm in den bereits sanierten Abschnitten spürbar abgenommen – es wird leiser.

Auch im Gewerbegebiet am nordwestlichen Rand tut sich etwas. Im Rahmen der Sanierung der Max-Berk-Straße wird nicht nur der parallele, alte Fuß-/Radweg im östlichen Bereich erneuert, sondern er wird auch um ca. 250m in westlicher Richtung verlängert. Durch diesen „Ringschluss“ kann man mit dem Rad zukünftig von der Heidelberger Straße über die Max-Berk-Straße bis zum Fashion Park bzw. zum westlichen „Leimbachweg“ Richtung Leimen fahren, ohne – wie bisher zu Fuß oder mit dem Rad - auf die Straße mit Schwerlast- und Autoverkehr ausweichen zu müssen.

Fahrradboom, Tempo 30, Ortsmitte III, eine Straßensanierung mit durchgehendem Radweg am Ortsrand, bald ein richtungsweisendes Mobilitätskonzept, … . Die Förderung der Radkultur soll nun Programm in Nußloch werden. Ein erster Anfang ist gemacht! Dennoch: Es fehlt unverändert eine Radinfrastruktur im Ort – u. a. Radwege, Radfahr- und Radschutzstreifen oder Bodenmarkierungen! Deshalb ist es JETZT wichtig, dass erstmals dafür im Gemeindehaushalt 2022, der in diesen Wochen erarbeitet wird, als auch für die Folgejahre regelmäßig die entsprechenden, vergleichsweise günstigen Mittel eingestellt werden.

Nach dem „Gestern“ (Teil 1: 1980er bis 2019) und dem „Heute“ (Teil 2: 2019 - 2021) kommen wir daher in der kommenden Woche im letzten Teil zum „Morgen“ – einem näheren Blick auf eine gestaltbare, zeitgemäße Radinfrastruktur für unsere Heimatgemeinde.

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